„Gott kommt gerade in Krisenzeiten“

Bischof Algermissen predigte beim Pax-Christi-Jubiläum in Berlin

Berlin/Fulda (bpf). Daß der Herr es liebe, in der Krise zu kommen, betonte Bischof Heinz Josef Algermissen beim 60jährigen Jubiläum der deutschen Sektion der internationalen katholischen Friedensbewegung Pax Christi am Sonntag in Berlin. Dies sei eine trostvolle Zusage, die der Erfurter Bischof Joachim Wanke einmal formuliert habe. „Natürlich erkennen die Jünger Christus nicht, weil sie ihn in dieser Krise gar nicht erwarten“, hob der Fuldaer Oberhirte und Präsident von Pax Christi mit Blick auf den Mißerfolg der Jünger beim Fischfang im Johannes-Evangelium hervor. Oft könnten auch die Christen heute Gott nicht erkennen, weil sie zu sehr den Blick auf vergebliche Mühe und Mißerfolg gerichtet hätten.

 

In einem feierlichen Gottesdienst in der Gedächtniskirche Maria Regina Martyrum verglich der Bischof den Epilog des Johannes-Evangeliums (Joh 21,1-14) mit der Geschichte „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway. Das, was in der Gesellschaft zähle, der Erfolg, sei dem alten Mann in dieser Geschichte versagt geblieben. So habe er alles auf eine Karte gesetzt und sei mit seinem kleinen Boot auf die hohe See gefahren, wo er den Fang seines Lebens nach einem Kampf auf Leben und Tod gemacht habe. Doch als er einen Riesenfisch im Schlepptau heimwärts ruderte, umkreisten Haie sein Boot und fraßen ihm die Beute Stück für Stück weg. Nach Tagen sei er dann als geschlagener Mann heimgekommen.

 

Die beiden Fischergeschichten von Hemingway und aus dem Evangelium seien verschieden wie Tag und Nacht, unterstrich Algermissen. Während dem alten Mann bei seiner Heimkehr in der Nacht niemand half, seien zwar auch die Jünger mit leeren Netzen im Morgengrauen heimgekommen, doch da habe jemand am Ufer gestanden und in der Stunde des Mißerfolges auf sie gewartet, nämlich Jesus. Die Jünger hätten sich entschlossen, fischen zu gehen, nachdem die ersten Auferstehungserfahrungen verklungen gewesen seien und der öde Alltag sie übermächtigt habe, stellte der Bischof fest. „Solch eine Haltung, die innerlich mit den Dingen abgeschlossen hat, gibt es auch oft unter uns.“ Er höre immer wieder, daß gefragt werde, was sich denn schon in den nächsten Jahren in der Kirche und einer krisengeschüttelten Gesellschaft ändern werde, so Algermissen.

 

„Wir von Pax Christi stellen unsere besonderen Fragen: 60 Jahre haben viele Frauen und Männer mit Energie und unbeschreiblichem Engagement versucht, dem Geist des Friedens und der Versöhnung einen Weg zu bahnen – und erlebten als katholische Friedensbewegung doch immer wieder die alten Mechanismen von Gewalt, Aggression und Vergeltung“, gab der Bischof zu bedenken. Zwischen den wohlhabenden Industriestaaten des Nordens und der Mehrzahl der armen Entwicklungsländer schwele seit Jahrzehnten ein tiefgreifender Konflikt. Die fortdauernde Ungerechtigkeit sei ein ständiger Gefahrenherd für den Frieden im globalen Bereich. „Lüge und Verdrängung, Selbstbetrug und Verharmlosung bilden die Keime des Unfriedens im Bereich unserer Gesellschaft.“ So fühle man sich ohnmächtig angesichts solcher Lage.

 

„Ein fader Geschmack macht sich breit: wenig Salz, wenig Freude, wenig Hoffnung“. Dann komme man oft in die gefährliche Stimmung, die die geistlichen Väter „acedia“ genannt hätten, die innere Haltung, wo alles in irgendeiner Form überdrüssig werde, gab Algermissen zu bedenken. Jesus habe die Jünger in ihrer frustrierenden Situation um Essen gebeten, und sie mußten zugeben, daß sie nichts hatten. Entsprechend dem Rat Jesu an die Jünger, noch einmal die Netze auszuwerfen, gebe es die Gnade, gegen den Augenschein und das Übliche erneut aufzubrechen und die Erfahrung zu machen, daß das Wort des ganz Anderen trage, sagte Bischof Algermissen mit Nachdruck.

 

„Wir müssen in unserer Pax-Christi-Bewegung einander helfen, diese Spiritualität des Noch-Einmal auf SEIN Wort hin einzuüben“, forderte der Präsident von Pax Christi. „Noch ist nicht aller Tage Abend. Ein neuer Tag bricht an. Die Zukunft ist mehr als eine Verlängerung der düsteren Gegenwart, viel mehr als der eigene Mißerfolg, viel mehr auch als der persönliche Erfolg.“ Auch die Mitglieder der katholischen Friedensbewegung dürften nie vergessen, daß das erste Wort des Auferstandenen, als er am Abend des Ostertages in die Mitte seiner verängstigten Jünger trat, lautete: „Der Friede sei mit euch!“. Denen, die an die alles verändernde Botschaft der Auferstehung glaubten und daraus hofften, gehöre die Zukunft. Sie wüßten sich vom Auferstandenen beschenkt mit der allerwichtigsten österlichen Gabe: dem Frieden.

 

Man könne nicht an das alles im Kern verändernde Leben der Auferstehung glauben, fuhr Algermissen fort, ohne sich um die Verbesserung der irdischen Lebensbedingungen „in unserer kleinen und in der weiten Welt“ zu mühen. „Wer die Auferstehung Jesu Christi vom Tode bekennt, darf zum Beispiel nicht zur Tötung ungeborener Kinder schweigen, muß klar Stellung beziehen in der Frage der auch in unserem Land diskutierten aktiven Sterbehilfe.“ Der Glaube an die Erlösung durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi führe von selbst in den Aufstand gegen alle Formen des vorzeitigen gesellschaftlich wie politisch, wirtschaftlich wie militärisch organisierten Todes. Christen seien zwar keine Friedenstörer, aber sie müßten sich massiv als Störenfriede dort betätigen, wo immer die „Mächte des Todes“ am Werk seien, sei es im privaten, im gesellschaftlichen wie politischen Bereich. „Was der Sauerstoff für die Lunge ist, das bedeutet österliche Hoffnung für unsere menschliche Existenz“, hob der Bischof hervor. Das gelte auch für das Engagement in der katholischen Friedensbewegung pax christi. „Aus der Feier unseres Jubiläums ‚60 Jahre Pax Christi Deutschland’ wünsche ich uns die österliche Kraft der Hoffnung, um die notwendigen nächsten Schritte zu tun“, schloß der Oberhirte.

04.07.2008

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