Familie ist durchaus kein Auslaufmodell

Bischof Algermissen bei Jubiläum der Fuldaer Familienbildungsstätte

Fulda (bpf). Davon, daß Familie in der modernen säkularen Gesellschaft als ein „Auslaufmodell“ ohne Zukunft gesehen werde, sei heute keine Rede mehr. „Umfragen unter jungen Menschen zeigen immer wieder, daß für sie eine stabile Partnerschaft und die Gründung einer Familie einen hohen Stellenwert einnehmen und zu einem erfüllten Leben zählen.“ Dies unterstrich der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen am Samstag, 12. April, bei einem Festgottesdienst aus Anlaß des 50jährigen Bestehens der Katholischen Familienbildungsstätte in Fulda. Kaum je zuvor habe die Familie und damit das Arbeitsfeld der katholischen Familienbildungsstätten so sehr im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit gestanden wie heute, noch nie sei in Politik und Gesellschaft so viel von der Familie die Rede gewesen.

 

Junge Menschen erführen heute wohl noch deutlicher als früher, daß Ehe und Familie einen unersetzbaren Lebensraum böten, in dem sich der Einzelne nicht durch seine Fähigkeiten und Leistungen beweisen müsse, „sondern so angenommen und geliebt wird, wie er ist“, stellte der Oberhirte heraus. In der gegenseitigen und vorbehaltlosen Liebe drücke sich auch die Liebe Gottes zu den Menschen aus. „Getragen von dieser gegenseitigen, vorbehaltlosen Verbundenheit erbringen Familien heute vielfältige Leistungen, ohne die unsere Gesellschaft nicht existieren könnte.“ Eltern verzichteten auf Einkommen und Freizeit, um ihren Kindern eine optimale Betreuung und Erziehung zukommen zu lassen. Sie begleiteten ihre Kinder unter erheblichen persönlichen Einschränkungen durch Schule und Berufsausbildung. „Eheleute stehen einander in Krisensituationen bei, in Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Sie gehen dabei teilweise bis an die Grenze der eigenen Belastbarkeit, und nicht selten sogar darüber hinaus.“

 

Die Gesellschaft nehme laut Algermissen diesen Einsatz als selbstverständlich hin. „Er ist aber nicht selbstverständlich, und deshalb gebührt allen Familien Dank und Anerkennung durch Kirche und Gesellschaft.“ Der Bischof kam sodann auch auf die Schattenseiten im Zusammenhang mit dem Thema Familie zu sprechen. „Ich denke an die deutlichen Fiebersymptome einer kranken Gesellschaft: verwahrloste Elternhäuser, überforderte Mütter und Väter, Kinderarmut und die immer größer werdende Zahl von Hartz-IV-Empfängern“. So erfreulich und begrüßenswert der öffentliche Stimmungswandel zugunsten der Familie sei, so besorgniserregend sei andererseits die Tatsache, daß die Form des Zusammenlebens der Eltern dabei weitgehend aus dem Blickfeld geraten ist. „Für die katholische Kirche bilden Ehe und Familie eine unauflösliche Einheit“, hob Bischof Algermissen hervor. „In der intakten, auf gegenseitiger Liebe und Respekt beruhenden Ehe finden Kinder den Ort, in dem sie zu gefestigten und selbstverantwortlichen Persönlichkeiten heranreifen können.“

 

Zwar dürfe die Kirche ihre Augen angesichts der Belastungen nicht verschließen, die Getrenntlebende und Alleinerziehende zu bewältigen hätten. „Mit Nachdruck fordern wir Bischöfe dazu auf, den Geschiedenen und Wiederverheirateten in ihrer Lebens- und Glaubenssituation beizustehen und sie am Leben der Gemeinde zu beteiligen.“ Aber dies dürfe nicht dazu führen, den Stellenwert der auf Dauer geschlossenen Ehe zu relativieren oder gar in Frage zu stellen, so der Oberhirte. Viele junge Menschen entschieden sich zudem bewußt gegen die Gründung einer Familie, weil sie in der Elternschaft nicht mehr die höchste Sinnerfüllung ihres Lebens sähen. Andere Werte wie der „Wunsch nach Selbstverwirklichung und individueller Freiheit“ träten gleichrangig hinzu. „In der heutigen Gesellschaft sind es vor allem die Schwierigkeiten, Familie und Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren, die zahlreiche junge Menschen davon abhalten, eine Familie zu gründen.“ Viele Ältere stünden dem verständnislos gegenüber, da sie doch selbst unter wesentlich schwierigeren Bedingungen und weitgehend ohne staatliche Hilfen Familien gegründet und Kinder erzogen hätten.

 

Man müsse aber auch zur Kenntnis nehmen, daß sich die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt grundlegend geändert hätten, fuhr der Bischof fort. Denn die Belastungen, die Familien tragen, seien heute andere als früher. „Auf diese veränderte Situation müssen sich Kirche und Gesellschaft einstellen. Dabei muß aber stets die Familie im Zentrum unserer Bemühungen stehen.“ Die Familien bezeichnete Algermissen nicht nur als die Keimzelle jeder Gesellschaft, sondern auch als die der Kirche. „Nur in einer Familie, in der der Glaube einen festen Stellenwert hat, können junge Menschen in einem gefestigten Glauben heranwachsen, ihn leben und später selbst weitergeben.“ Die Erziehung zu Glaube und Gebet habe Papst Johannes Paul II. als eine „priesterliche Aufgabe“ bezeichnet, zu der die Familie berufen sei.

 

Der Glaube biete eine Fülle an Riten und Bräuchen an, die gerade auf die Bedürfnisse von Kindern eingingen, wie der Bischof ausführte. „Das Gefühl der Geborgenheit in Gott zum Beispiel nach dem Abendgebet, das Zusammengehörigkeitsgefühl beim gemeinsamen Kirchgang und die gemeinsame Freude auf die hohen kirchlichen Feste sind Erfahrungen, die den Menschen tief prägen und den Glauben im jungen Menschen verwurzeln.“ Viele junge Eltern fühlten sich mit dieser Aufgabe überfordert, entweder weil sie selbst in ihrer Kindheit diese Glaubenserfahrung nicht machen konnten oder sie sich in ihrer Jugend vom kirchlichen Leben entfernt und erst wieder durch die kirchliche Heirat und die Geburt und Taufe ihres Kindes zurückgefunden hätten. Dieser Zielgruppe müsse sich die Arbeit der katholischen Familienbildungsstätten besonders zuwenden, unterstrich Bischof Algermissen.

15.04.2008

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