Bonifatiusfest 2008

Neuevangelisierung muß von Familien ausgehen

Kölner Erzbischof predigte beim Bonifatiusfest – Feierliche Eröffnung der traditionellen Bonifatiuswallfahrten

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Fulda (bpf). „Vor uns liegt die Aufgabe einer Re-Evangelisierung in den Gebieten, denen Bonifatius damals eine Erstevangelisierung brachte; wir haben heute weniger Mönchszentren, von denen eine solche Evangelisierungswelle ausgehen könnte, dafür sind uns aber Familien geschenkt.“ Dies betonte der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, am Sonntag in Fulda bei der Eröffnung der traditionellen Bonifatiuswallfahrten. Als Beispiel nannte der Kardinal drei kinderreiche Familien mit zusammen fast 30 Kindern, die nach Chemnitz in Sachsen gezogen seien, wo das Christentum in Deutschland nur noch eine verschwindende Minderheit darstelle. „Dort haben sich die drei Familien in den sogenannten sozialistischen Plattenbauvierteln angesiedelt und leben als Christen mitten unter ihren glaubenslosen Mitbürgern.“

In einem feierlichen Pontifikalamt mit rund 11.000 Wallfahrern auf dem Fuldaer Domplatz hob Kardinal Meisner hervor, daß diese Familien durch die Kinder in den Schulen und durch die Elternabende der einzelnen Klassen in wenigen Monaten das Evangelium wieder unter den Menschen bekannt gemacht hätten. Ein Priester feiere mit ihnen die Eucharistie und stärke ihnen so den Rücken, um selbstbewußt und überzeugend in den Schulen, an den Arbeitsstellen und an den Plätzen, wo sie das Leben hingestellt habe, den Glauben zu verkünden. „Was hier in einem neueren Stil geschieht, ist aber die Aufgabe jeder einzelnen Familie“, stellte Kardinal Meisner heraus. Auch Jesus habe die Apostel zu zweit zur Mission hinausgeschickt. Das sei in der Familie von Natur aus gegeben. „Es gibt ja den Menschen nie ohne den Mitmenschen. Keiner von uns hat sich selbst verursacht. Er verdankt sein Dasein und Sosein seinen Eltern, seinen Vorfahren, aber letztlich Gott.“ Auch den Christen gebe es mithin nicht ohne den Mitchristen. So sei ein jeder von anderen getauft worden. Das weise auf den dreifaltigen Gott selbst hin, der „eine Familie im Kleinen“ sei, nicht einfältig, sondern dreifaltig.

Zu Beginn seiner Predigt hatte der Kardinal daran erinnert, daß die großen kirchlichen Gestalten Europas keine Lokalpatrioten, sondern von katholischer Weite erfüllt gewesen seien. „Der hl. Bonifatius hat seine menschlichen Wurzeln in Südengland, sein Hauptmissionsgebiet ist dann Deutschland, und zweimal geht er über die Alpen zum Sitz des Petrus, um sich Wegweisung und Vollmacht zu erbitten.“ Gemäß der Missionsmethode Jesu, der seine Jünger zu zweit ausschickte, sei Bonifatius mit anderen Benediktinermönchen und bald auch gelehrten und hoch gebildeten Benediktinerinnen gekommen, die „gleichsam eine benediktinische Familie“ gebildet hätten. Ein familiäres Missionszentrum, in dem junge Menschen für die christliche Zivilisierung der eigenen Landsleute Befähigung und Vollmacht erhielten, sei Fulda gewesen. „Dieser Einsatz für Jesus Christus war in unserer Heimat von so reicher Fruchtbarkeit, daß wir bis heute noch von dieser christlichen Substanz leben, die den Kern christlich-abendländischer Kultur ausmacht“, gab der Kölner Erzbischof zu bedenken. Dieser kulturelle Kern scheine gegenwärtig aufgebraucht zu sein. Meisner erinnerte an die jüngste Entscheidung des englischen Parlaments, die Möglichkeit zu schaffen, menschliches Genmaterial mit tierischem zu vermischen und Chimären zu produzieren. „Das ist wirklich der Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte, nämlich der Greuel der Verwüstung im Menschen, der das unantastbare Ebenbild Gottes ist!“ Die heutige Gottvergessenheit habe eine Menschenvergessenheit zur Folge.

Kardinal Meisner verglich sodann die Familien mit Missionszentren des hl. Bonifatius und hob hervor, daß die Quelle jeder Familie die Ehe sei. Eine intensive Beziehung von Mutter und Vater sei der stärkste Impuls für eine gesegnete vitale Familie, weshalb das Konzil die katholische Familie „Hauskirche“ nenne. „Erfährt ein Kind, was in gutem Wortsinn Vater und Mutter sind, dann ist schon die Grundlage für den Glauben an den biblischen Gott gelegt, der zu uns wie Vater und Mutter ist“, unterstrich der Kardinal. In der Familie als Hauskirche habe das tägliche Beten eine große Bedeutung, weil die Glieder der Familie dann in das Geheimnis des lebendigen Gottes hineingebunden würden. Auch Papst Benedikt XVI. habe beim Papstbesuch in München die Wichtigkeit des Betens in der Familie herausgestellt: „Das Leben in der Familie wird festlicher und größer, wenn Gott dabei ist und seine Nähe im Gebet erlebt wird“. Das Gebet sei die intensivste Form, seine Beziehung zu Gott zu pflegen. Das alltägliche Gebet vermittle den Kindern, daß Gott für einen immer zu sprechen sei. Der Glaube stelle nicht nur eine „Sonntagsangelegenheit“ dar, sondern sei die tragende und formende Kraft des Alltags und des ganzen Lebens.

Wie es Bonifatius mit seinen Missionsstationen getan habe, so müßten auch die Familien als Hauskirchen sich miteinander in Dorf, Stadt oder Land vernetzen, so daß ein vitaler Organismus entstehe. Laut Kardinal Meisner spiele die Feier des Sonntags eine nicht mehr wegzudenkende Rolle für die Vernetzung der einzelnen Familien. „Der Beziehungspunkt Gott wird in der gemeinsamen Feier des Sonntags in der Familie wirksam und stärkt ihre Verbundenheit mit anderen Familien.“ Der Sonntag verbinde unzertrennlich die einzelne Familie mit dem Herzen Gottes und untereinander mit den benachbarten Familien. Jeder siebente Tag sei ein Sonntag. „Ein Siebentel unserer Lebenszeit stellen wir uns bewußt als Kinder des Lichtes unter den Einfluß des auferstandenen Herrn“, so Meisner. In München habe der Heilige Vater die Eltern daher auch aufgefordert, mit ihren Kindern zur sonntäglichen Eucharistiefeier in die Kirche zu gehen. „Der Sonntag wird schöner, die ganze Woche wird schöner, wenn ihr gemeinsam den Gottesdienst besucht“, so der Papst. Damit steige nach Meisner auch die missionarische Ausstrahlungskraft der Familie.

In der Pfarrkirche stünden der Altar, der Ambo, der Taufbrunnen und der Beichtstuhl als Orte des Lebens, an denen einem die Gotteskindschaft geschenkt werde, fuhr der Erzbischof fort. In einer weithin glaubenslos gewordenen Gesellschaft müßten Kinder und Eltern im Alltag, in der Schule, im Beruf und in der Freizeit oftmals gegen den Strom schwimmen. Das sei schwer durchzuhalten. „Wir brauchen gleichsam einen Raum, wo wir wenigstens einmal in der Woche mit anderen zusammen in der gleichen Richtung denken, sprechen und arbeiten können: mit der eigenen Familie, mit anderen befreundeten Familie, mit der ganzen Pfarrgemeinschaft.“ Am Tag des Herrn seien die Christen daher ins Haus des Herrn gerufen, um am Tisch des Herrn die hl. Eucharistie zu feiern.

Jeder Mensch habe seinen Glauben durch andere Menschen „horizontal“ erhalten. „Jeder von uns trägt das Wort Gottes in sich, aber nicht für sich, sondern immer für die anderen“, so Meisner. Der einzelne Christ brauche die Gemeinschaft, in der ihm die vielen anderen das Wort Gottes zusprächen, als Gleichglaubende auf dem gleichen Weg. Durch das Christuszeugnis des anderen werde man qualifiziert, „unser Land zu re-evangelisieren“. Kardinal Meisner rief zur Wachsamkeit gegen schöpfungswidrige Familienmodelle auf, die die Familie als Hauskirche zersetzten und die Gesellschaft beschädigten. Am heutigen Tag wolle Bonifatius die Stadt und das Land seines Herzens, Fulda und das ehemalige Fuldische Klosterland, zu missionarischen Schwerpunkten machen, „indem er sich darum müht, aus unseren Familien Hauskirchen werden zu lassen“. Aus den Hauskirchen eines Gebietes könnten dann vitale Pfarrgemeinschaften entstehen, und in den Pfarrgemeinschaften missionarische Schwerpunkte gesetzt werden, „aus denen auch wieder junge Menschen in unsere Priesterseminare und in unsere Ordensnoviziate kommen, um mit den Familien auf Mission zu gehen“.

Als Menschen Gottes waren Bonifatius und seine Mönche wirkliche Kulturträger für Europa, wie der Kölner Erzbischof weiter betonte. „Aus ihrem gefeierten Kultus erwuchs christliche Kultur. Davon ist das Antlitz unseres Vaterlandes – wenigstens äußerlich – bis heute geprägt.“ Deshalb habe sich Bonifatius von der Welt immer wieder beanspruchen und in Beschlag nehmen lassen. Für ihn war die Wendung des Herrengebetes „Wie im Himmel, so auf Erden“ Lebensnorm. Wenn die Christen die Erde aus den Augen verlören, sei die Kirche aus dem öffentlichen Leben ausgeschieden und in ihre Sakristeien eingeschlossen. „Dann ist Gott an seinen Himmel gefesselt, dann beginnt der Mensch, seine Blicke allein erdwärts zu richten und sich ausschließlich dem Kult der materiellen Interessen zu widmen“, warnte Kardinal Meisner.

Der Lebensrhythmus des hl. Bonifatius und seiner Gefährten beinhaltete, die Füße fest auf dem heimatlichen Erdboden verankert, die Blicke aber an Jesus Christus im Himmel orientiert zu haben. Das sei die Position eines Christen. Gott selbst habe in Jesus Christus die Erde berührt. „Dieser Gott und Bruder ergriff das Herz des hl. Bonifatius für immer seit seiner Kindheit: Gottes Welt in unserem schlichten Lebenszeugnis, besonders in der Familie für andere berührbar und greifbar werden zu lassen, den Mut zum Anderssein aufzubringen und sich auf der Erde am Himmel zu orientieren, das ist die Sendung, die von Bonifatius an uns alle ausgeht“, schloß der Kardinal.

Den Festgottesdienst feierte Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen in Konzelebration mit Kardinal Meisner, Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez und Weihbischof Johannes Kapp sowie Generalvikar Prälat Peter-Martin Schmidt, Apostolischem Protonotar Dr. Lucian Lamza, Prälat Lorenz Dominik von der russischen Sektion von Radio Vatikan und Pfarrer Paul Verheijen aus Dokkum. Musikalisch wurde die Meßfeier vom Fuldaer Jugendkathedralchor unter Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber, die Chorsätze von M. Kokott, H. Schütz und G. Fauré sowie Gottesloblieder im Wechsel mit der Gemeinde sangen, sowie einem großen, aus mehreren Blasorchestern bestehenden Instrumentalensemble unter Leitung von Regionalkantor Ulrich Moormann mitgestaltet.

Zu Beginn des Gottesdienstes hatte Bischof Algermissen bei strahlendem Sonnenschein die Gläubigen und besonders den Kölner Kardinal begrüßt. Seine Freude über die auf dem Domplatz versammelten Gläubigen brachte der Oberhirte so zum Ausdruck: „Allein wegen dieses Wallfahrtstages lohnt es sich schon, Bischof von Fulda zu sein!“. Der Bischof sah in der Wallfahrt ein „wunderbares Bild von Kirche auf dem Weg“, um Eucharistie zu feiern. Domdechant Prof. Dr. Werner Kathrein hatte vor Beginn des Gottesdienstes die Wallfahrer aus zahlreichen Pastoralverbünden, aber auch aus einzelnen Pfarreien des Bistums und darüber hinaus namentlich willkommen geheißen. Kardinal Meisner betonte, er fühle sich in Fulda wie zu Hause, denn er sei 1962 für die Diözese Fulda in Erfurt zum Priester geweiht worden, und „alte Liebe rostet nicht“.

09.06.2008

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